Wie agieren Kinder miteinander?

Ich habe das große Glück, gelegentlich Kinder von Freuden zu erleben und beim Spielen beobachten zu können. Jedes Mal bin ich überrascht, wie gut sie sich miteinander verständigen können – auch wenn sie noch gar nicht oder eine andere Sprache sprechen. Ich bin jedes Mal von Neuem verwundert. Dass sie sich verständigen können, bedeutet nicht, dass es nicht auch Konflikte gibt – wer darf wann mit welchem Spielzeug spielen? Wer darf in welcher Mannschaft mitspielen? und, und, und.

Von einigen Ausnahmen und Entwicklungsphasen abgesehen, gehen sie noch recht offen und unvoreingenommen miteinander um, was schön zu beobachten ist. Sie sind in der Regel empathisch und verkörpern für mich oftmals noch den Idealzustand des Miteinanders. Von Ausnahmen abgesehen (Aufmerksamkeit der Bezugsperson sollte vorrangig ihnen gelten) liegt die Betonung auf dem Verbindenden statt dem Spaltenden. „Komm, lass uns zusammenspielen“. Sie beziehen ihr Gegenüber mit ein und verbinden.

Was ändert sich beim Älterwerden?

Je älter die Kinder werden, desto eher spiegeln sie auch das Weltbild und die Erfahrungen der Eltern wider. In manchen Fällen würde ich behaupten, ich könnte den Kindern die dazugehörigen Eltern zuordnen. Das vormals unschuldig Unvoreingenommene tritt in den Hintergrund. So prägen zunächst die Erfahrungen der Bezugspersonen die Kinder und später kommen noch die eigenen Erfahrungen hinzu. Immer mehr Filter greifen und das vormals Unvoreingenommene weicht einem gegenseitigen Abtaxieren und Einordnen (in Sekundenschnelle und unbewusst). Im günstigsten Falle schützt das Erlernte nun vor Gefahren, wesentlich häufiger verhindert es wahrscheinlich ein unvoreingenommenes Aufeinander zugehen.

Gestern hatte ich die wunderbare Gelegenheit einer Deutschstunde der 5. Klasse beizuwohnen. In den Wochen zuvor fand in dieser Klasse Aufklärungsunterricht statt. Die Aufgabe der Schüler war es, einen Liebesbrief zu verfassen – entweder an eine real existierende oder an eine fiktive Person. Das betreuende Lehrpersonal versuchte noch Brücken zu bauen: wenn Euch „Ich liebe dich“ zu schreiben, ein komisches Gefühl vermittelt, könnt ihr auch schreiben „Ich finde dich ganz toll“, „Ich mag dich“, „Du gefällst mir…“

Was Erwachsene von den Kindern/Jugendlichen lernen können

Doch wundersamerweise war das gar nicht nötig. Diese Bedenken hatten eher die Lehrkräfte als die Schüler*innen. Ich war verblüfft, wie offen sie ihre Gefühle aufschrieben und vorlasen. Mit viel Gefühl und ohne Scheu auch über Geschlechtergrenzen (Mädchen an Mädchen) hinweg – ohne fiktive Personen und stattdessen meist sogar an Personen innerhalb der Klassengemeinschaft adressiert. Noch großartiger fand ich, dass es keinerlei Kichereien oder Sticheleien gab. Ich war sprachlos.

Wie kam es, dass es Fünftklässler*innen so leicht fiel, über ihre Gefühle zu sprechen und Erwachsene sich damit oftmals so schwer tun und Gelegenheiten verpassen.

Ich vermute zu viele Filter und negative Erfahrungen. Doch wie schön wäre es, wenn wir ein Leben lang diese Offenheit behielten und sehen was passiert……

Doch sind wir uns unserer Filter eigentlich bewusst oder eher betriebsblind? Hier kann der Austausch mit einem neutralen unvoreingenommenem Gegenüber dienlich sein.